„Angst essen Seele auf.“ Besser als der Titel dieses alten Faßbinderfilms kann man nicht beschreiben, wie sich Menschen mit Angststörungen fühlen. Hier finden Sie ein 900-Sekunden-Video mit Hinweisen, wie Führungskräfte solche Störungen erkennen und für Betroffene hilfreich sein können (einfach das Bild links anklicken). Dazu gibt es einen Text mit den Grundlagen, der Hintergrundwissen vermitteln will. Schließlich zeige ich unter „Umsetzung“ an einem Fallbespiel, wie man Betroffene wirksam unterstützt und wie ich in einer psychosozialen Beratung arbeite.
Grundlagen

Angst, sagt man, hat viele Gesichter. Manchmal zeigt sie sich als gepresste, leise und unsichere Stimme. Oder Beschäftigte verlassen ohne erkennbaren Grund ein Meeting und kommen nicht zurück. Auch wenn mit immer neuen Begründungen um zusätzliche Home-Office-Tage gebeten wird oder sich die Krankmeldungen häufen, sollten Führungskräfte hellhörig werden. Doch auf Fragen kommen meist ausweichende Antworten. Oder es wird gelogen. Was sollen die Betroffenen auch sagen? Oft wissen sie ja selbst nicht, was mit ihnen los ist.
Schätzungen zufolge leiden von 100 Personen in Deutschland jedes Jahr etwa acht bis zehn an einer Angststörung. Neben einer übersteigerten und unrealistischen Angst können Betroffene verstärkt reizbar, nervös und wütend sein. Andere meiden die Kommunikation mit den Kollegen und der Führungskraft. Mögliche körperliche Symptome sind Herzklopfen, schwere Atmung, Schwindel und Kopfschmerzen sowie Muskelverspannungen insbesondere im Nacken- und Schulterbereich. Manchen wird die Brust schwer, oder sie zieht sich schmerzhaft zusammen. In akuten Situationen treten Erstickungsgefühle auf. Die Gedanken können rasen. Dann sind sie wieder wie blockiert.
Führungskräfte und Kollegen können Anzeichen einer Angststörung an einem veränderten Verhalten feststellen. Betroffene vermeiden bisher alltägliche Arbeitssituationen wie Besprechungen oder Kundentermine. Bestimmte Verhaltensweisen wie die Ordnung auf dem Schreibtisch oder das Führen von Checklisten können zwanghaft werden. Sozialen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen geht man so weit wie möglich aus dem Weg. Und auf so manches Verhalten kann man sich gar keinen Reim machen: Wieso wird das Telefon nicht abgenommen? Warum ist die Person für eine Stunde ohne Erklärung verschwunden? Was Führungskräfte auch feststellen: Die Arbeitsleistung lässt nach. Gründe dafür sind eine verminderte Konzentrationsfähigkeit. Die Betroffenen können sich kaum etwas merken und vergessen vieles, wirken verwirrt und sind kaum in der Lage, Entscheidungen zu treffen.
Meist gehen die Betroffenen spät zum Arzt. Sie behandeln sich zunächst selbst, beginnen im besten Fall Sport zu treiben, machen Meditation und Yoga und versuchen, sich bei Spaziergängen zu entspannen. Diese Reaktion ist so konstruktiv wie selten. Die meisten versuchen sich „zusammenzureißen“, was eine Weile funktioniert, bis die Erschöpfung sie überwältigt und die Symptome zu stark werden. Auch Substanzen wie Beruhigungsmittel, Alkohol und Cannabis funktionieren eine Weile, da sie die Gefühle und damit die Angst dämpfen. Nicht selten kommt auf diese Weise eine Suchterkrankung zur Angststörung hinzu. Und nicht selten haben Menschen mit Angststörungen auch depressive Störungen.
Ohne Behandlung kann es schließlich zur Arbeitsunfähigkeit kommen. Es folgen Psychotherapien und die Einnahme von Medikamenten. Im besten Fall ist danach eine Wiedereingliederung möglich. Im schlechtesten droht eine teilweise oder vollständige Erwerbsunfähigkeit. Die Diagnosen sind je nach Ausprägung der Angststörung unterschiedlich:
- Bei Agoraphobien vermeiden Betroffene angstauslösende Situationen. Sie verlassen die Wohnung nur noch selten und benutzen bestimmte Verkehrsmittel nicht mehr. Sie vermeiden offene Plätze und fühlen sich in engen Räumen unwohl. Deshalb parken sie nicht auf großen Parkplätzen und gehen ungern Einkaufen.
- Panikstörungen sind kurze, heftige Angstzustände, die man auch „Panikattacken“ nennt. Meist ist nicht klar, was sie auslöst. Herzrasen, Schmerzen in der Brust und das Gefühl, sterben zu müssen, werden häufig berichtet.
- Bei sozialen Phobien ist die soziale Situation der Angstauslöser. Betroffene stehen ungern im Mittelpunkt und möchten nicht vor anderen sprechen. Auch Essen mit anderen Menschen ist unangenehm. Vor dem wöchentlichen Meeting haben sie Angst. Sie fürchten die negative Bewertung.
- Bei spezifischen Phobien gibt es einen klaren Angstauslöser. Meist kennt man zumindest einen Menschen, der große Angst vor Hunden oder vor Spinnen hat. Andere haben Angst vor dem Bürogebäude, einer bestimmten Tür, an der sie auf dem Weg ins Büro vorbeigehen müssen, oder einem Bild, das im Meetingraum hängt.
- Generalisierte Angststörungen werden auch „Sorgenkrankheit“ genannt. Betroffene katastrophieren und sehen am Ende jeder Entwicklung nur das Desaster. Um sich davor zu schützen planen Sie alles bis ins Detail und führen umfangreiche Checklisten.
- Mit „Trauma“ ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gemeint. Sie entsteht nach Ereignissen und Phasen, die als belastend und bedrohlich empfunden werden. Betroffene berichten davon, dass sie Erlebtes immer wieder aufs Neue durchleben müssen und Alpträume haben.
- Zwangsstörungen zeichnen sich durch wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen aus. Sie drängen sich den Betroffenen gegen ihren Willen auf und sind häufig quälend.
Im betrieblichen Alltag ist es nicht einfach zu unterscheiden, ob eine Person eine Angststörung hat oder gerade in einer sehr belastenden Situation leben muss. Auch sind manche von Natur aus nervöser und ängstlicher als andere. Das gehört zum Charakter bzw. zum Persönlichkeitsstil und ist nicht pathologisch. Doch unabhängig davon, ob Angststörung oder belastende Situation: Es ist nützlich, wenn Kollegen, Führungskräfte und Arbeitnehmervertreter, die Veränderungen feststellen, diese auch ansprechen. Das Motto: Reden hilft oft und schadet nie!
Wenn sich im Gespräch die Vermutung einer Angststörung oder einer anderen Art von psychischer Störung bestätigt gibt es im Gespräch ein wesentliches Ziel: Die betroffene Person soll überzeugt werden, sich in ärztliche und therapeutische Behandlung zu begeben. Erste Station kann dabei der Hausarzt bzw. die Hausärztin sein. In den meisten Städten und Regionen gibt es auch Beratungsstellen, an die man Betroffene verweisen kann.
Doch wie geht es dann weiter, wenn sich die Betroffenen behandeln lassen?
Behandelt werden Angststörungen durch Psychotherapie und Medikamente.
- Häufig ist bei Angststörungen die kognitive Verhaltenstherapie erfolgreich. Es werden Verhaltens- und Denkmuster erarbeitet, bearbeitet und durch funktionale Denkmuster ersetzt. Häufig wird in diesem Verfahren auch mit Exposition gearbeitet: Schrittweise nähert man sich dem, was Angst macht und erlebt, dass die Auswirkungen nicht so schlimm sind wie befürchtet. Weitere erfolgversprechende Psychotherapieverfahren sind bei Angststörungen die Gesprächstherapie nach Rogers, die tiefenpsychologische bzw. psychodynamische Psychotherapie und die Interpersonelle Psychotherapie.
- Ebenso wird bei Angststörungen mit Medikamenten gearbeitet. Bei Angsstörungen wirken häufig Antidepressiva. In bestimmten Fällen wie z.B. der generalisierten Angststörung können auch Antieleptika wirken. Nur für akute Krisensituationen und nur für kurze Zeit werden Benzodiazepine verordnet.
Diese Informationen können für Führungskräfte und Kollegen zur Einordnung der Situation hilfreich sein. Es ist jedoch nicht ihre Aufgabe, Diagnosen zu stellen. Vielmehr geht es darum, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen, Vertrauen aufzubauen und ihnen zu helfen, eine gute Entscheidung zu treffen.
Tipps und Tricks für den Umgang mit Betroffenen:
- Stets bei den Ich-Botschaften bleiben. Nicht: „Du bist in letzter Zeit so nervös und unkonzentriert.“ Sondern: „Ich habe von dir einen nervösen und unkonzentrierten Eindruck.“
- Die Tür bleibt offen: Nicht erwarten, dass die Erstansprache erfolgreich ist. Oft reagieren Betroffene zunächst emotional und sind aufgebracht oder verstockt. Bleiben Sie freundlich: „Wenn ich mich getäuscht haben sollte – umso besser! Ansonsten steht dir meine Tür jederzeit offen.“
- Wenn es zu einem Gespräch kommt besteht der größte Teil darin, aktiv zuzuhören und Entlastung zu bieten.
- Warten Sie mit Lösungsvorschlägen: Die betroffene Person ist zu Beginn des Gesprächs meist so angespannt, dass sie diese nicht aufnehmen kann. Hören Sie zu und bieten Sie weitere Gespräche an.
- Erst in diesen wird der lösungsorientierte Gesprächsanteil immer größer. Fragen Sie, ob Sie für die Mitarbeiterin bzw. den Mitarbeiter Beratungsangebote recherchieren dürfen. Wenn einer davon akzeptabel zu sein scheint, können Sie gemeinsam überlegen, was der erste Schritt ist.
Speziell bei Angststörungen haben Betroffene besonders große Probleme damit, auf andere Menschen zuzugehen. Bieten Sie an, gemeinsam den Hausarzt oder eine Beratungsstelle anzurufen und einen Termin ausmachen. Haken Sie auch nach, ob der erste Termin stattgefunden hat und was das Ergebnis war.
Was für den Umgang mit allen Betroffenen unanbhängig von der Art der Störung oder des Problems gilt:
- Geben Sie sich selbst für die Gespräche ein konkretes Ziel, z.B. „Die betroffene Person dazu bringen, sich professionell und medizinisch beraten zu lassen.“ Damit verhindern Sie, dass Sie zur „Klagemauer“ werden.
- Begrenzen Sie bei mehreren Gesprächen jeweils die Gesprächsdauer. Das hilft, in die Handlungsorientierung zu kommen: „Wir haben jetzt noch 10 Minuten. Wie sollen wir weiter vorgehen?“
- Manchmal emfpinden Betroffene für Führungskräfte, die sich um ihren psychischen Zustand Sorgen machen, so etwas wie Freundschaft. Achten Sie hier darauf, dass die Ebenen klar bleiben: Sie sind eine Führungskraft, die der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nachkommt.“
- Bitten Sie darum, dass nicht jeder Status per Whatsap oder Anruf mitgeteilt wird. Verweisen Sie auf die jeweiligen Termine, die Sie ausgemacht haben.
- Thematisieren Sie die Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Machen Sie klar, dass das wichtigste Ziel ist, diese zu erhalten oder wiederherzustellen. Denn ohne Leistungsfähigkeit ist, auch wenn der Arbeitgeber guten Willens ist, der Arbeitsvertrag auf lange Sicht gefährdet.
Ängste in Film und Literatur
In der Fernsehserie „Monk“ leidet der Detektiv Adrian Monk an Zwangsstörungen sowie an verschiedenen Phobien.
„Angst essen Seele auf“ ist ein berühmter deutscher Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Er thematisiert die Angst, die entsteht, wenn man ausgegrenzt wird.
Eine diffuse existenzielle Grundangst und die Angst vor Kontrollverlust wird in Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ thematisiert
- Bild mit Katze: Copilot.
Umsetzung
Herr Maier ist ein gestandener Mann, etwa 185 Zentimeter groß mit breiten Schultern und starken Armen. Seine Arbeit als Projektleiter bei einem großen Industriebetrieb scheint gut zu ihm zu passen. Mit Anfang 30 ist er verheiratet, hat zwei Kinder, spielt engagiert Tennis und ist in seiner Gemeinde bestens vernetzt. Er hat in seinem Leben schon viele herausfordernde Situationen gemeistert. Doch seit zwei Jahren plagt ihn ein Problem, für das er keine Lösung findet.
Jede Woche findet ein Meeting mit 14 Projektleiterinnen und Projektleitern des Unternehmensbereichs statt. Den Leiter dieses Meetings, der auch sein Vorgesetzter ist, kennt er gut. Die Zusammenarbeit ist von Vertrauen geprägt, es gibt keine Probleme. Zu Beginn jeder Sitzung berichten die Projektleiter über den Stand ihrer Projekte. Vor etwa zwei Jahren bemerkt er, wie ihn diese Meetings immer mehr belasten. Erste leichte Symptome sind Herzklopfen, schwitzende Hände, ein leichtes Summen im Ohr. Er kann das zunächst erfolgreich überspielen. „Doch im Laufe der letzten beiden Jahre ist es immer schlimmer geworden,“ berichtet er. Aktuell spürt er schon eine halbe Stunde vor den Sitzungen, wie er stark atmet, schwitzt, sich in ihm alles verkrampft. In der Sitzung schnürt sich seine Kehle zusammen. „Ich habe dann Angst zu ersticken.“ Er kann nicht mehr klar denken und hat jedes Mal eine riesige Angst, kein Wort herauszubringen und sich vor allen anderen zu blamieren. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Doch wie lange noch? Nach den Sitzungen fühlt er sich zunächst erleichtert, aber auch müde und zerschlagen. Und nach der Sitzung ist vor der Sitzung: Wie wird es nächste Woche werden?
Nach einer der sehr belastenden Sitzungen spricht ihn sein Vorgesetzter an. „Können wir kurz reden?“ Herr Maier nickt, obwohl ihm nicht danach ist. Der Vorgesetzte spiegelt ihm, was er bemerkt: „Ich nehme wahr, dass du bei den Sitzungen sehr angespannt bist. Ich habe auch den Eindruck, dass du immer weniger redest und dich kaum noch an den Diskussionen beteiligst. Gibt es etwas, bei dem ich dich unterstützen kann?“
Herr Maier fühlt sich ertappt. Dabei hatte er gedacht, dass niemand etwas bemerkt hätte. Reflexhaft wehrt er seinen Chef ab: „Nein, es ist alles in Ordnung. Ein bisschen viel los in letzter Zeit. Aber das gibt sich schon wieder.“ Der Vorgesetzte schaut ihn zweifelnd an: „Dann ist ja alles gut. Aber du weißt, wenn du jemanden zum Sprechen brauchst: Meine Tür steht dir jederzeit offen.“ Herr Maier nickt bloß.
Sein erster Gedanke ist, dass er sich mehr zusammenreißen muss. Er überlegt, woran der Vorgesetzte etwas bemerkt haben könnte. Doch die Tage danach gesteht er sich ein, dass es nicht schaden kann, mit jemandem über die Sache zu reden. Schließlich fasst er sich ein Herz und macht mit dem Vorgesetzten einen Termin aus. Die beiden sprechen lange, und Herr Maier spürt die Erleichterung, sein Leid jemandem erzählen zu können. Der Vorgesetzte hört geduldig zu und fragt dann: „Wenn du bei deinen Projekten nicht weiter weißt – was tust du dann?“ Herr Maier antwortet ohne zu zögern: „Ich frage jemanden, der es wissen könnte.“ In der Sekunde kommt ihm auch gleich der Gedanke: „Wer könnte das in seinem Fall sein?“ Der Vorgesetzte informiert ihn, dass das Unternehmen eine psychosoziale Beratung, die für ihn kostenlos ist, zur Verfügung stellt. „Auf Therapie habe ich eigentlich keine Lust.“ Der Vorgesetzte meint: „Das ist keine Therapie. Nur ein Gespräch mit jemandem, der sich auskennt. Was hast du zu verlieren? Alles ist vertraulich, und wenn es nichts bringt, hast du nur ein bisschen Zeit verloren.“
Herr Maier sagt, dass er es sich überlegen will. Der Vorgesetzte sendet ihm per E-Mail meine Kontaktdaten sowie einige weitere Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Schließlich entschließt sich Herr Maier, mich zu kontaktieren und erhält für den nächsten Tag einen Teams-Termin.

Wie die meisten Menschen mit psychischen Problemen möchte Herr Maier keine „lange Therapie“ machen. Ich soll ihm helfen, die Sitzungen gut zu überstehen. Dann, so seine Hoffnung, würde auch die Angst weggehen, und alles wäre wieder gut. Das ist eine typische Grundhaltung, mit der die Klientinnen und Klienten in meine psychosoziale Beratung kommen. „Mach, dass die Symptome weggehen“ ist in der Regel der Auftrag. Und tatsächlich geht es in einer psychosozialen Beratung, die meist aus drei bis sechs Sitzungen besteht, vorwiegend um die Arbeit an Symptomen. Den Klienten bringt das oft eine schnelle Linderung ihres Leids. Und sie erkennen den Weg, den sie gehen müssen, damit die Besserung nachhaltig bleibt. Das kann heißen, dass sie sich nach der psychosozialen Beratung einen Therapieplatz suchen sollten.
Im ersten Gespräch fokussiert sich Herr Maier auf die konkrete Situation, die ihm zu schaffen macht. Wir vollziehen die letzte Situation dieser Art Schritt für Schritt nach:
- Schon am Vorabend spürt er schlechte Stimmung und Angst. Er trinkt ein Glas Wein extra, um schlafen zu können.
- Dennoch ist die Nacht unruhig. Er träumt von der Sitzung: alle starren ihn an und wundern sich, warum er nichts sagt.
- Am Morgen verspürt er leichte Kopfschmerzen, die aber wieder verfliegen. Er lenkt sich mit Arbeitsaufgaben ab.
- Eine halbe Stunde vor der Sitzung schließt er sich im Büro ein. Er hat Angst nicht nur vor der Sitzung Angst. Auch die anschwellende Angst – die „Angst vor der Angst – macht ihm zu schaffen.
- Schließlich geht er in die Sitzung. Sein Plan: Möglichst früh drankommen. Dann ist nicht so viel Zeit, sich aufzuregen. Er atmet schwer, schwitzt, fühlt sich unruhig, würde am liebsten aus dem Raum flüchten.
- Der Vorgesetzte, der sein Problem mittlerweile kennt, will ihn früh dran nehmen. Doch eine Projektleiterin hat ein dringendes Anliegen, das zuerst besprochen werden muss. Je länger es dauert, desto aufgeregter wird Herr Maier.
- Schließlich ruft ihn der Vorgesetzte auf. Herr Maier räuspert sich und sagt einige vorher auswendig gelernte Sätze. Er weiß, dass er sich künstlich anhört, was ihn noch aufgeregter macht. Er sieht sich kritisch durch die Brille der anderen. Doch es gelingt, und er kann auch einige Fragen der anderen Projektleiter beantworten.
- Vom restlichen Teil der Sitzung bekommt Her Maier kaum etwas mit. Immer wieder geht er in Gedanken seine Aussagen durch und fragt sich, ob jemand etwas bemerkt hat.
- Danach schnell zurück ins Büro. Er fühlt sich müde und zerschlagen. Ohne Ziel surft er im Internet und checkt immer wieder E-Mails und Messenger-Nachrichten.
- Schließlich ruft jemand mit einem Anliegen an. Das reißt ihn aus seinen Gedanken und Gefühlen, und langsam kommt er wieder in Tritt. Vorbei, Gottseidank. Aber nach der Sitzung, das weiß er, ist vor der Sitzung.
Ich frage Herrn Maier: „Was genau ist das Problem am Problem?“ Denn es wäre ja an sich nicht schlimm, mal etwas nicht sagen zu können. Doch dahinter steht das eigentliche Problem: „Ich bin blamiert, meine Position wird in Frage gestellt. Im schlimmsten Fall verliere ich meinen Arbeitsplatz, und vielleicht auch mein Haus und meine Familie.“
In den weiteren Sitzungen sprechen wir über seine allgemeine Lebenssituation. Dazu führen wir eine Aufstellung auf dem Systembrett durch. Hier zeigen sich einige Themen, die Herr Maier belasten. Mit seinem Bruder gibt es schon seit Jahren einen schwelenden Konflikt. Dieser dreht sich um eine Kleinigkeit, es geht um ein vergessenes Geburtstagsgeschenk. Und doch kochen bei Familienfesten immer wieder die Emotionen hoch. Gerne würde Herr Maier diese Feste meiden, doch er will das seinen Eltern nicht antun. Auch das Verhältnis zu seiner Frau, mit der er nach eigener Aussage eine glückliche Ehe führt, ist belastet. Seit der Geburt des zweiten Kindes, also seit zwei Jahren, gibt es keine Sexualität mehr. Wir sprechen auch über seine Träume, die er in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter hatte. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass er gerne Lehrer geworden wäre und mit Kindern gearbeitet hätte. Damals war er schon mit seiner jetzigen Frau zusammen, die sich eine Zukunft mit Kindern und eigenem Haus wünschte. Als Lehrer, so befürchtete er, würde er dafür nicht genug verdienen, und studierte deshalb Ingenieurswissenschaften. Sein Beruf mache ihm schon Spaß, meint Herr Maier. Aber dass es mit der Schule nichts geworden ist, das bedauert er manchmal schon. Ob er einen geheimen Groll gegen seine Frau hat, weil er sein Leben nicht so leben kann, wie er es eigentlich gerne möchte? Herr Maier weiß es nicht.
Das sind schon viele Hinweise auf ungelöste Themen, die Ängste auslösen oder begünstigen können. Insbesondere der ungelöste Konflikt mit dem Bruder, die fehlende Sexualität in der Ehe und vielleicht auch das Gefühl, sein Leben insgesamt falsch zu leben, sind auffällig. Das sind aber Themen, die in einer psychosozialen Kurzberatung besprochen, aber nicht gelöst werden können.

Aber wir finden für das konkrete Symptom eine Möglichkeit, konstruktiv damit umzugehen. Wir kommen darauf, als mir auffällt, dass Herr Maier in den Gesprächen gelegentlich hustet. Ich spreche ihn darauf an, und er erzählt, dass er ganz leichtes Asthma habe und sich deshalb öfters mal räuspern und husten muss. Es sei auch schon vor dem Auftreten der Ängste vorgekommen, dass er in Gesprächen kurz nach Luft ringen und deshalb pausieren muss. Das wissen aber alle Kollegen und würden dem keine große Bedeutung zumessen. Für solche Fälle hat er stets Bonbons dabei, „um die Kehle anzufeuchten“, wie er es nennt. Wir vereinbaren, dass er die Bonbons in den Sitzungen vor sich auf den Tisch legt und, während die anderen reden, ein oder zwei davon zu sich nimmt. Das ist das Signal an die Kolleginnen und Kollegen: „Achtung, meine Stimme ist angeschlagen.“ Wenn er dann an die Reihe kommt und die Stimme tatsächlich versagen sollte, kann er einfach husten und abwinken. Für die anderen wäre es das Signal, ihn zunächst in der Reihenfolge zu gehen und weiterzumachen.
Dieser Notausgang ist für Herrn Maier sehr nützlich, wie er mir Wochen nach unseren Gesprächen mitteilt. Die Aufregung ist vor und bei den Sitzungen zwar immer noch da, aber deutlich reduziert, da er jetzt eine konkrete Möglichkeit sieht, die Situation zu bewältigen. Allerdings haben ihm unsere Gespräche zu Denken gegeben. Er will die Probleme ansprechen und mit seiner Frau zu einem Paartherapeuten gehen. Seinen Bruder hat er außer der Reihe zum Abendessen eingeladen. Und der Gedanke, eine Therapie zu machen, ist ihm nun nicht mehr so fremd wie vorher: „Reden hilft tatsächlich!“
- Bild oben Mann auf Treppe: @ unsplash – Vitaly Gariev
- Bild Mitte Schautafel / Arm mit Stift: @ Fotolia – alphaspirit
- Bild unten Mann mit Regenschirm: @ Fotolia – Nomad Soul
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