Modul 003: Umgang mit depressiven Störungen bei Mitarbeitenden
Sozialer Rückzug, negative Stimmung, fehlender Antrieb und Vernachlässigung von Interessen: Das ist die weit verbreitete Vorstellung von depressiven Episoden. Doch Depression kann sich auch ganz anders zeigen. Das wichtigste ist aber, dass es sich um eine gut behandelbare psychische Störung handelt. Foto: unsplash – teresa_h
„Sie war nicht traurig. Sie fühlte einfach nichts.“ So wird die Depression von Nora Seed, der Protagonistin in dem Buch „Mitternachtsbibliothek“, beschrieben. Im Umgang mit von Depression betroffenen Menschen ist wichtig zu verstehen, dass diese nicht „traurig“ sind. Sie leiden vielmehr darunter, nichts mehr fühlen zu können. Hier finden Sie ein 900-Sekunden-Video mit Hinweisen, wie Führungskräfte depressive Störungen und Symptome erkennen und für Betroffene hilfreich sein können (einfach das Bild links anklicken). Nachstehend gibt es einen Text mit den Grundlagen, der Hintergrundwissen vermittelt. Schließlich zeige ich unter „Umsetzung“ an einem Fallbespiel, wie man Betroffene wirksam unterstützt und wie ich in einer psychosozialen Beratung arbeite.
Grundlagen

Etwa jede zehnte Person in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens einmal oder wiederholt an einer depressiven Störung. Sie gehört zu den häufigsten Ursachen psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeit und zeigt sich in sehr unterschiedlichen Formen und Zusammenhängen. So kann sie als eigenständige Erkrankung auftreten oder als Begleiterkrankung, etwa bei Angst- und Zwangsstörungen oder im Zusammenhang mit chronischen körperlichen Erkrankungen. Manche Menschen erkranken einmalig an einer Depression und genesen anschließend vollständig. Andere, die zunächst gesund werden, erleiden Rückfälle, und bei einer kleineren Gruppe nimmt sie einen dauerhaften Verlauf. Auch die Arbeitsfähigkeit ist sehr unterschiedlich ausgeprägt: Viele Betroffene können ihrer Arbeit mit geringen Einschränkungen nachgehen, andere nur in bestimmten Phasen oder gar nicht.
Diese Vielfalt macht es für Führungskräfte und Beschäftigte schwierig, entsprechende Symptome bei Kolleginnen und Kollegen einzuordnen. Ein zentrales Warnzeichen sind Verhaltensänderungen, die sich nicht durch äußere Umstände erklären lassen. So nimmt die betroffene Person ihre Mahlzeiten vielleicht plötzlich allein ein und verhält sich in Besprechungen ungewohnt passiv. Möglicherweise reagiert und spricht sie verlangsamt, erbringt weniger Arbeitsleistung und macht auffallend viele Fehler. Entscheidend ist dabei der Unterschied zwischen dem Verhalten, das man von der Person kennt, und dem Verhalten, das sie aktuell zeigt. Wer grundsätzlich eher ruhig ist und sich gerne zurückzieht, bringt damit seine Persönlichkeit zum Ausdruck und muss deshalb keineswegs depressiv sein. Wer hingegen eine Person als extrovertiert, positiv und sozial interessiert kennt und entsprechende Veränderungen bemerkt, sollte im Sinne eines achtsamen Miteinanders aufmerksam werden. Dabei ist jedoch Vorsicht vor „Diagnosen“ und voreiligen Schlüssen geboten („Die muss zum Psychologen“). Schließlich können Verhaltensänderungen auch andere, zunächst unbekannte Gründe haben.
Die bisher beschriebenen Symptome sind typisch für viele Menschen, die von einer depressiven Störung betroffen sind. Es gibt jedoch auch Erscheinungsformen, die zwar sehr auffällig sind, aber dennoch nicht als krankhaft erkannt werden. Dazu zählt vor allem die agitierte Depression, bei der Betroffene nicht stillsitzen können, häufig ziellos umhergehen und auffallend viel sprechen. Die gedrückte Stimmung wird dabei oft durch gesteigerten Aktionismus, mitunter auch durch aggressives Verhalten, überlagert. Auch hier ist es wichtig, Veränderungen im Verhalten wahrzunehmen und nach möglichen Hintergründen zu suchen.
Ebenso können körperliche Symptome wie anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen, Schmerzen, muskuläre Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden oder Herz-Kreislauf-Probleme Ausdruck einer depressiven Störung sein. Insbesondere wenn Betroffene von Beschwerden berichten und gleichzeitig medizinische Untersuchungen keinen Befund ergeben, sollte auch eine depressive Störung als Ursache in Betracht gezogen werden.
Vorgesetzte sowie Kolleginnen und Kollegen sind darauf angewiesen, Anzeichen einer Depression anhand äußerlicher Veränderungen wahrzunehmen. Im Folgenden sind solche Symptome zusammengefasst:
- Sozialer Rückzug
- Weinanfälle, Wutanfälle
- Vermehrte Fehler, Unzuverlässigkeit
- Ungepflegtes Erscheinungsbild
- Antriebslosigkeit
- Verlangsamte Bewegungen
- Erkennbarer Schlafmangel
- Veränderte Essgewohnheiten
- Häufige Selbstkritik
- Gedächtnisprobleme
- Probleme, Entscheidungen zu treffen
- Reizbarkeit
Weitere Symptome betreffen innere Vorgänge wie Gedanken, Gefühle und körperliche Beschwerden, die von außen nicht erkennbar sind, sich jedoch im Gespräch mit Betroffenen erschließen lassen:
- Selbstvorwürde
- Verlust von Freude und Interessen
- Besorgnis / Pessimismus
- Konzentrationsprobleme
- Glaube, andere würden schlecht über die Person reden
- Gedanken an Sterben, Suizidgedanken und Suizidabsichten
- Schuldgefühle
- Negative Stimmung
- Ängste
- Gefühle der Gefühllosigkeit
- Gefühle von Hilf- und Hoffnungslosigkeit
- Chronische Müdigkeit
- Appetitlosigkeit oder Heißhunger
- Verdauungsbeschwerden
- Kopfschmerzen
- Abnahme der Libido
Die Hauptsymptome sind Antriebslosigkeit, negative Stimmung und der Verlust von Freude und Interessen.
Doch was sind die Ursachen einer depressiven Störung? Eine einzelne Ursache gibt es in der Regel nicht. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Wenn in der Familie bereits Fälle von Depressionen aufgetreten sind, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken. Weitere Risikofaktoren sind belastende Kindheitserfahrungen, einschneidende Lebensereignisse wie Todesfälle oder Trennungen, Einsamkeit, lang anhaltende oder schwere körperliche Erkrankungen, Substanzabhängigkeit sowie dauerhafte Überlastung.
Viele Beschäftigte mit der Diagnose „depressive Störung“ sprechen im Betrieb von einem „Burnout.“ Damit wird die Ursache der Erkrankung den Bedingungen am Arbeitsplatz zugeschrieben. Zugleich ist der Begriff „Burnout“ mit einer impliziten Anklage und Erwartung verbunden: „Ich habe mich für den Betrieb aufgerieben, bis ich nicht mehr konnte – jetzt ist der Betrieb gefordert, mich zu unterstützen, damit es mir wieder besser geht.“ Darüber hinaus ist die Bezeichnung „Burnout“ oft mit weniger Scham behaftet. Sie vermittelt eher das Gefühl: „Mit mir ist grundsätzlich alles in Ordnung – die Umstände haben mich krank gemacht.“
Tatsächlich können sich die Symptome eines Burnouts mit denen einer Depression überschneiden. Für Führungskräfte ist dabei wichtig zu wissen: Burnout ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern wird als Zusatz- oder Kontextbeschreibung verwendet. In der Praxis gibt es daher eine Hauptdiagnose, etwa eine „depressive Episode“, die durch die ergänzende Angabe „Burnout“ näher beschrieben wird. Burnout wird definiert als „ein Syndrom infolge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde“. Der Begriff „Syndrom“ bezeichnet dabei ein Muster aus mehreren typischen, gemeinsam auftretenden Symptomen. Beschäftigte lassen bei der Beschreibung ihres Leidens nicht selten die Hauptdiagnose unerwähnt und bezeichnen ihre Situation lediglich als „Burnout“. Das ist ihr gutes Recht und sollte nicht weiter hinterfragt werden. Zugleich ist es wichtig zu verstehen, dass eine Arbeitsunfähigkeit formal nicht aufgrund von „Burnout“ bescheinigt wird, sondern auf Basis einer medizinischen Hauptdiagnose, etwa einer depressiven Episode oder auch einer Angststörung.
Führungskräfte sollten an dieser Stelle nicht dem Irrtum erliegen, durch Veränderungen am Arbeitsplatz die Grunderkrankung heilen zu können. Das ist in der Regel nicht möglich. Was sie jedoch tun können, ist, die Belastung für die Betroffenen zu reduzieren – etwa durch die Zuweisung zeitunkritischer Aufgaben – und im Rahmen einer Wiedereingliederung die Arbeitssituation so zu gestalten, dass sie für die betroffene Person unterstützend und bewältigbar ist. Zugleich hat die Verantwortung des Betriebs und der Führungskraft hier ihre Grenzen: Eine depressive Störung muss mit Mitteln behandelt werden, die außerhalb des Einflussbereichs eines Unternehmens und seiner Führungskräfte liegen.
Was Führungskräfte tun können
Meist treten bei einer depressiven Störung nicht alle Symptome gleichzeitig auf, sondern nur ein Teil davon. Auch die Ausprägung kann variieren. So fällt es manchen Betroffenen am Morgen und im frühen Vormittag besonders schwer, während sie im Laufe des Tages zunehmend in Schwung kommen. Andere sind nach dem Aufstehen zunächst leistungsfähig, fühlen sich jedoch schon mittags erschöpft. Schwankungen können auch im Wochenverlauf auftreten: Manche schöpfen am Wochenende neue Kraft und bewältigen die ersten Arbeitstage gut, erschöpfen sich jedoch im weiteren Verlauf der Woche zunehmend. Führungskräfte können diese Schwankungen berücksichtigen, indem sie den Betroffenen möglichst große Handlungsspielräume einräumen – etwa bei der Gestaltung von Arbeitszeiten und der Verteilung von Aufgaben auf einzelne Tage.
Wenn sich depressive Symptome zeigen, äußern Führungskräfte häufig den gut gemeinten Rat: „Bleiben Sie doch erst einmal eine Woche zu Hause und ruhen Sie sich aus – dann sehen wir weiter.“ Bereits der zugrunde liegende Gedanke ist jedoch problematisch, denn bloßes „Ausruhen“ lässt die Symptome in der Regel nicht verschwinden. Dabei wird zudem übersehen, dass eine verlässliche Tages- und Wochenstruktur für Betroffene hilfreich ist: Sie haben einen Anlass, morgens aufzustehen, sich zu pflegen, anzuziehen und das Haus zu verlassen. Entfallen diese Anreize, kann sich die Symptomatik häufig sogar verschlechtern. Betroffene sollten daher möglichst in ihrer gewohnten Struktur verbleiben. Führungskräfte sollten deshalb Anreize setzen, die eine weitere Beschäftigung am Arbeitsplatz ermöglichen.
Eine weitere häufige Überlegung von Führungskräften ist es, Betroffenen die Arbeit im Homeoffice anzubieten. Dies bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Zu den Vorteilen gehört, dass Betroffene Energie sparen, da der Arbeitsweg entfällt. Zudem sind sie weniger äußeren Reizen ausgesetzt, was entlastend wirken kann. Nicht zuletzt bestehen im Homeoffice häufig bessere Möglichkeiten zur kurzfristigen Regeneration, etwa durch kurze Ruhepausen. Dem stehen jedoch auch Nachteile gegenüber. Dazu zählen insbesondere die verstärkte soziale Isolation und der fehlende Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Außerdem entfällt ein wichtiger Anreiz, die Wohnung zu verlassen und den Alltag aktiv zu strukturieren. Im Zweifel kann es sinnvoll sein, Betroffene selbst zu fragen, welche Arbeitsform sie bevorzugen. Eine mögliche Lösung besteht darin, den Anteil an Homeoffice behutsam zu erhöhen, zugleich jedoch an ausgewählten Tagen die Präsenz am Arbeitsplatz beizubehalten.
Auch wenn es schwerfällt: Die Frage nach der Suizidalität gehört bei deutlichen depressiven Symptonen zu einem Gespräch zwischen Führungskraft und betroffenen Beschäftigten dazu. „Ich frage das, weil ich gehört habe, dass Menschen in deiner Lage manchmal Gedanken haben, sterben zu wollen. Wie ist es bei dir?“ Wenn Betroffene Suizidgedanken oder bereits konkrete Absichten äußern, sind sie häufig erleichtert, darüber sprechen zu können. In diesem Fall sollte der Kontakt zu einer Suizid‑Beratungsstelle vermittelt werden. In akuten Situationen kann es sinnvoll sein, die betroffene Person in die psychiatrische Ambulanz eines Krankenhauses zu begleiten.
Die Behandlung von Depressionen
Depressive Störungen sind in vielen Fällen gut behandelbar. Bei leichten und mittelgradigen depressiven Störungen wird meist eine Psychotherapie empfohlen. Dazu können Betroffene sich von ihrer Krankenkasse eine Liste mit niedergelassenen Psychotherapeuten geben lassen. Oft dauert es jedoch einige Monate, bis ein Therapieplatz frei ist. Deshalb empfiehlt es sich, regionale Beratungsstellen, die diesen Zeitraum überbrücken können, zu kontaktieren. Sollte Suizidalität vorliegen gibt es in der Regel spezielle Anlaufstellen. Bei schweren depressiven Erkrankungen kann der Einsatz von Medikamenten („Antidepressiva“) erforderlich werden.
Tipps und Tricks für den Umgang mit Betroffenen:
- Stets bei den Ich-Botschaften bleiben. Nicht: „Du bist in letzter Zeit so in dich gekehrt.“ Sondern: „Ich habe den Eindruck, dass du in letzter Zeit sehr in dich gekehrst bist.“
- Die Tür bleibt offen: Nicht erwarten, dass die Erstansprache erfolgreich ist. Oft reagieren Betroffene mit depressiven Symptomen gar nicht oder wiegeln mit Allgemeinplätzen wie „Es ist viel los in letzter Zeit“ ab. Formulieren Sie hier: „Du weißt, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du ein Problem hast.“
- Wenn es zu einem Gespräch kommt besteht der größte Teil darin, aktiv zuzuhören und Entlastung zu bieten.
- Sich mit depressiven Symptomen zu outen ist ein Schritt, der Überwindung kostet. Es gilt, das zu würdigen und die Person erzählen zu lassen.
- In weiteren Gesprächen kann der lösungsorientierte Teil größer werden. Erste Schritte sollten darauf abzielen, den aktuellen Stress zu mildern und die Person arbeitsfähig zu halten. Das Ziel der Gespräche ist, die Person zu überzeugen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Bei der Suche selbst kann Unterstützung angeboten werden.
Bei depressiven Symptomen ist meist der Antrieb geschwächt. Betroffenen fällt es schwer, aktiv zu werden und Beratungsstellen zu kontaktieren. Bieten Sie an, gemeinsam den Hausarzt oder eine Beratungsstelle anzurufen und einen Termin ausmachen. Haken Sie auch nach, ob der erste Termin stattgefunden hat und was das Ergebnis war.
Was für den Umgang mit allen Betroffenen unanbhängig von der Art der Störung oder des Problems gilt:
- Geben Sie sich selbst für die Gespräche ein konkretes Ziel, z.B. „Die betroffene Person dazu bringen, sich professionell und medizinisch beraten zu lassen.“ Damit verhindern Sie, dass Sie zur „Klagemauer“ werden.
- Begrenzen Sie bei mehreren Gesprächen jeweils die Gesprächsdauer. Das hilft, in die Handlungsorientierung zu kommen: „Wir haben jetzt noch 10 Minuten. Wie sollen wir weiter vorgehen?“
- Manchmal emfpinden Betroffene für Führungskräfte, die sich um ihren psychischen Zustand Sorgen machen, so etwas wie Freundschaft. Achten Sie hier darauf, dass die Ebenen klar bleiben: Sie sind eine Führungskraft, die der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nachkommt.“
- Bitten Sie darum, dass nicht jeder Status per Whatsap oder Anruf mitgeteilt wird. Verweisen Sie auf die jeweiligen Termine, die Sie ausgemacht haben.
- Thematisieren Sie die Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Machen Sie klar, dass das wichtigste Ziel ist, diese zu erhalten oder wiederherzustellen. Denn ohne Leistungsfähigkeit ist, auch wenn der Arbeitgeber guten Willens ist, der Arbeitsvertrag auf lange Sicht gefährdet.
Depression in Film und Literatur
„Depression im Job: Ansprechen oder Verheimlichen?“ Ein Beitrag auf der Website des Bayerischen Rundfunks.
„Ich hatte einen schwarzen Hund“ ist ein kurzes und mutmachendes Video, das zeigt, wie sich ein Mensch mit einer depressiven Störung fühlt. Es ist auch für Kinder von Betroffenen geeignet, denn sie lernen: „Ach ja, der Papa hat grade wieder seinen schwarzen Hund!“
„Kampf im Kopf“ ist eine Dokumentation, die drei an Depression erkrankte Menschen bei ihrer Behandlung begleitet. Es wird deutlich, wie unterschiedlich Symptome und Behandlungsmöglichkeiten sein können.
„Numb“ ist ein unterhaltsamer Film über einen Mann, der sich in seiner Depression eingerichtet hat. Erst als er die Liebe seines Lebens trifft, beginnt er, um ein gesundes Leben zu kämpfen.
„Torsten Sträters Depressions-Tagebuch“ zeigt den Alltag eines Betroffenen mit all seinen schwierigen, aber auch komischen Seiten.
- Bild mit Mann und Hund: Aus dem Video „Ich hatte einen schwarzen Hund“ (siehe Filmtipp).
Umsetzung
Eva ist eine knapp 50‑jährige Frau. Ihr geht es sichtlich schlecht. Seit einigen Jahren ist sie geschieden und lebt mit ihrem heute 17‑jährigen Sohn in dem Haus, in dem sie über viele Jahre ihre kürzlich verstorbene Mutter pflegt. Beruflich ist sie als Produktionshelferin tätig und seit Jahren in einem festen Team eingebunden. Dort fühlt sie sich gut aufgehoben. Dann jedoch wird das Team aufgelöst. Eva arbeitet nun mit wechselnden und fremden Kollegen, die kaum Deutsch sprechen und wenig Interesse an ihr zeigen. Ihrem Vorarbeiter fällt auf, dass sie antriebslos und traurig wirkt. Eines Tages findet er sie im Pausenraum tränenüberströmt und legt ihr nahe, sich bei mir zur psychosozialen Beratung zu melden.
Sie erzählt mir, dass sie – abgesehen von ihrem Sohn – keine sozialen Kontakte mehr hat. Einladungen ihrer Schwester, die sich um sie sorgt, lehnt sie ab. „Ich will das ja, aber ich schaffe es einfach nicht.“ Ihre Nichte hat gerade das Abitur geschafft und sie zur Abschlussfeier, die in sechs Wochen stattfindet, eingeladen. Aber sie weiß r. Sie ist eingeladen, aber sie weiß schon heute, dass sie nicht hingehen wird. Sie will keine Belastung sein, und letztlich werden ihre Verwandten über ihre Absage froh sein.
Die früheren Kolleginnen und Kollegen, erzählt sie weiter, seien für sie eine wichtige Stütze gewesen. Bei ihnen habe sie sich verstanden, sicher und aufgehoben gefühlt. Mit dem Wegfall des vertrauten Teams ist diese wichtige Ressource für sie verloren gegangen. Sie beschreibt, dass sie sich inzwischen sehr allein fühlt und zunehmend verzweifelt ist. Sie habe sich auch schon öfter überlegt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch würde sie das niemals tun, weil das für den Sohn sehr schlimm wäre.
Im Gespräch arbeiten wir ihre konkreten Symptome genauer heraus: Antriebsschwäche, negative Stimmung, Freudlosigkeit und Suizidgedanken. Sie grübelt viel und kann deshalb oft nicht einschlafen. Selbst Basisgefühle wie Hunger und Durst kann sie nicht mehr wahrnehmen; nur der Sohn achtet darauf, dass sie ihre Mahlzeiten einnimmt. „Ich fühle mich nicht“, sagt sie. Was meint sie selbst, warum es ihr so schlecht geht. Sie vermutet, dass sie den Tod ihrer Mutter und die schwierige, langwierige und quälende Scheidung nicht verarbeitet hat. Im weiteren Verlauf des Gesprächs tritt jedoch zutage, dass einige Symptome wie negative Stimmung und Antriebslosigkeit schon früher aufgetreten sind.
Zunächst wertschätze ich sie, da sie unter den schwierigen Bedingungen großartiges geleistet hat: Sie hat über lange Zeit ihre Aufgaben am Arbeitsplatz erfüllt, das große Haus in Ordnung gehalten, die Mutter gepflegt und den Sohn, der aktuell in der 11. Klasse im Gymnasium ist, zu einem lebenstüchtigen Menschen erzogen. Diese Wertschätzung ist wichtig, denn Menschen mit depressiven Episoden werten sich häufig selbst ab und können ihre eigenen Leistungen nicht mehr wahrnehmen.
Dann frage ich nach ihren Ressourcen. Sie hat nach der Auflösung des Teams keine Freunde und abgesehen von der Familie ihrer Schwester keine Verwandte mehr. Ihr Hausarzt hat vor einigen Jahren seine Praxis an eine junge Nachfolgerin übergeben. Sie war seither nicht mehr dort gewesen.
Mein wichtigstes Ziel an dieser Stelle ist, Eva zu überzeugen, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Ein niedrigschwelliger Anfang ist die Hausärztin. Wir sprechen über ihre Befürchtungen, und sie verspricht, bei der Praxis anzurufen. Doch sie schafft es nicht, einen Termin zu machen. Dann geht es ihr eines Vormittags besser, und sie beschließt spontan, in die Praxis zu fahren. Dort sagt ihr die Praxisassistenin, dass sie spontan keinen Termin bekommen könne. Doch dann passiert etwas, auf das Eva stolz war: „Das Gespräch wurde durch einen Anruf unterbrochen. Jemand sagte seinen Termin ab. Und dann habe ich gesagt, dass ich den Termin nehmen könnte.“ Die Sprechstundenhilfe habe kurz überlegt, sie angeblickt und gesagt: „Ja, gute Idee. Sie können einfach warten.“ Die Ärztin habe sich überraschend viel Zeit genommen und schließlich eine Überweisung an einen Psychiater geschrieben und ihr ein Rezept für ein Antidepressiva in nideriger Dosierung gegeben.
Das Rezept löst Eva ein, doch sie lehnt Medikamente – insbesondere Psychopharmaka – grundsätzlich ab. Sie habe von deren Schädlichkeit gelesen. Und es würde die Persönlichkeit verändern. Ich kläre zunächst über die Wirkung von Antidepressiva auf und dass diese häufig gut vertragen werden und wirken, ohne die Persönlichkeit zu verändern. Ich half ihr mit einem Bild: „Wenn Sie ein Bein gebrochen haben, verwenden sie bis zur Heilung eine Krücke. Und bis Sie in therapeutischer Behandlung sind nehmen Sie die Medikamente – und setzen sie wieder ab, sobald die Therapie anschlägt.“ Mit der Aussicht, dass die Einnahme nicht für immer sein muss, war sie schließlich bereit, mit der Einnahme zu beginnen.
In weiteren Gesprächen berichtet sie, dass die Medikamente idealtypisch wirken. Ihre Stimmung ist aufgehellt, sie fühle sich aktiver und schlafe besser. Auch ihr Sohn spiegelt ihr, dass sie frischer und ausgeglichener wirke. Diese schnelle Wirkung ist nicht immer so. Manchmal müssen verschiedene Medikamente ausprobiert werden, bis eine positive Wirkung erzielt wird. Der Grund ist, dass der Stoffwechsel von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein kann: Was bei einer Person gut wirkt, ist bei einer anderen ohne jede Wirkung. Doch Eva hatte Glück und wohl auch eine gute Hausärztin, denn gleich das erste Medikament war ein Erfolg.
Ein Hausarzt bzw. eine Hausärztin ist jedoch nur die erste Anlaufstelle. Um eine endgültige Diagnose zu erhalten und die Medikamentierung zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen ist ein Besuch bei einem Psychiater oder einer Psychiaterin erforderlich. Wir recherchieren Adressen, die sie anruft. Obwohl das Ergebnis oft frustrierend ist, bleib sie dran und erhält einen Termin in acht Wochen. Bei der Suche nach einem Therapieplatz verzweifelt sie zunächst: „Es gibt nicht mal Wartelisten“, sagt sie. Wir versuchen es bei Beratungsstellen, die fast jede Kommune anbietet. Auch an ihrem Wohnort gibt es einige Familienberatungsstellen und auch eine Selbsthilfegruppe, die sie immerhin auf die Warteliste nehmen. Mit etwas Glück findet sie eine Anbindung an eine Beratungsstelle, die sie betreuen, bis sie einen Therapieplatz findet. Über eine Website ihrer Kommune, die Selbsthilfegruppen auflistet, hat sie einen ersten Termin, zu dem sie hingehen kann.
Währenddessen gibt es auch von ihrer Arbeitsstelle gute Nachrichten. Mit dem Vorarbeiter, einem Betriebsratsmitglied und einem Mitglied des Betrieblichen Gesundheitsmanagements gab es ein Gespräch. Hier konnte sie darlegen, wie sehr ihr ein fester Kollegenkreis feht und wie fremd sie sich fühlt. Auch dass sie die Schwere der Arbeit belastet (sie muss oft große Vorprodukte heben und tragen) konnte sie zur Sprache bringen. Man bot ihr nun an, in das Ersatzteillager an die Ausgabe zu wechseln. Dort gibt es ein festes Team, und die Arbeit ist leichter. Darüber ist sie sehr froh.
An dieser Stelle vereinbaren wir, dass sie von nun an selbstständig weiter vorangehen wird. Nach einigen Wochen schreibt sie mir noch eine E-Mail: Mit einem Therapieplatz hat es immer noch nicht geklappt. Aber am neuen Arbeitsplatz kommt sie gut zurecht und fühlt sich wohl. Und sie hat es geschafft, zur Abiturfeier ihrer Nichte zu gehen. „Das war sehr anstrengend“, schreibt sie. „Aber alle waren so froh zu sehen, dass es mir besser geht.“
Der Fall mit Eva ist eine Erfolgsgeschichte, weil sie es geschafft hat, ihren Arbeitsplatz zu erhalten und sich wieder ins soziale Leben ihrer Famile zu integrieren. Das ist ein wichtiger Etappensieg. Auf dieser Basis kann sie weitermachen, einen Therpieplatz suchen und weiter an der Gesundung arbeiten. Bei Eva gab es Lebensereignisse, die eine depressive Erkrankung begünstigen. Dazu gehört ihre sehr schwierige Scheidung sowie die Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz.
Das erwachsene Kind
Bei anderen wie bei Amina gibt es solche Lebensereignisse nicht, aber eine lebenslange Anstrengung, die zu einer grundlegenden Erschöpfung geführt hat. Sie ist die älteste Tochter einer Familie, die aus Syrien flüchten musste. Die Eltern haben hart gearbeitet und Amina und ihren drei Schwestern den Besuch weiterführender Schulen und gute Ausbildungen ermöglicht. Amina selbst konnte sogar studieren, arbeitet bei einer renommierten politischen Organisation, hat einen Ehemann und ein zweijähriges Kind. „Eigentlich“, sagt sie, „ist alles in Ordnung.“ Doch in ihr sieht es anders aus: Sie hat negative Gedanken, fühlt sich erschöpft und antriebslos. „Wenn ich mit meinem Kind spiele, fühle ich nichts“ ist sie über sich selbst erschrocken.
Wir sprechen über ihre Kindheit und Jugend und zeichnen ein Bild voller Anstrengung. Der Vater war selten anwesend. „Er arbeitete Tag und Nacht, um die Familie durchzubringen.“ Die Mutter blieb Zuhause, war mit den Kindern jedoch überfordert. So begann sie schon früh, Amina als älteste Tochter in ihre Entscheidungen und in die Verantwortung einzubeziehen. Da die Eltern die deutsche Sprache nur ungenügend beherrschten war Amina schon mit 12 Jahren die „Außenministerin“ der Familie. Sie kommunizierte im Namen der Eltern mit den Vermietern, Kindergärten, Schulen, Behörden und Vereinen und sorgte dafür, dass alles reibungslos verlief. Bald organisierte sie auch das Leben der jüngeren Schwestern, obwohl diese sehr gut Deutsch sprachen. „Ich war das erwachsene Kind“ fasst sie zusammen. Noch heute, obwohl die Schwestern längst erwachsen sind und sich der Vater dem Ruhestand nähert, ist sie die Managerin ihrer Herkunftsfamilie. Sobald jemand krank wird, Probleme am Arbeitsplatz auftreten oder es ein Fest zu organisieren gilt, steht Amina im Zentrum des Geschehens. Diese Rolle muss sie jedoch verstecken: „Ich musste meinem Vater immer das Gefühl geben, dass er unangefochtener Patriarch war und alle Entscheidungen für die Familie traf.“ So lernte sie, ihre Leistungen zu verstecken und sie als die ihres Vaters darzustellen.
Mit der Geburt ihrer eigenen Tochter kamen vor zwei Jahren neue Herausforderungen dazu. Schnell war sie nach der anstrengenden Geburt wieder berufstätig, um das Einkommen ihrer kleinen Familie aufzubessern. Jedoch läuft es an ihrem Arbeitsplatz nicht rund: Die Abläufe wurden in ihrer Abwesenheit stark verändert, und sie tut sich schwer, ihre Aufgaben zu bewältigen. Sie beginnt, Aufgaben aufzuschieben und Termine immer wieder zu verschieben. Sie bittet um einen Tag mehr Home-Office mit der Begründung, ihr Kind damit besser betreuen zu können. In Wirklichkeit strengen sie die Kolleginnen und Kollegen sehr an – am liebsten ist sie allein. Auch Freunde trifft ie kaum noch. Abends fällt sie erschöpft ins Bett und kann doch lange Zeit nicht schlafen, weil ihre Gedanken um den Tag kreisen: Hat sie alles richtig gemacht? Warum hat eine Kollegin sie im Meeting so kritisch hinterfragt? Oft hat sie Schuldgefühle und fragt sich, ob sie ihr Kind wirklich liebt.
Schließlich kommt sie zu mir in die Beratung. Schnell wird klar, dass die Symptome auf eine Erschöpfungsdepression hindeuten. Dieser Begriff wird häufig verwendet für eine depressive Episode nach längerer Überlastung und/oder Stress. Amina ist für diese Diagnose eigentlich etwas zu jung, denn oft trifft es Mütter und manchmal auch Väter, die sich über viele Jahre zwischen Familie, Beruf und eigenen Ansprüchen aufreiben. Doch bei ihr begann die Überlatung und der chronische Stress schon in jungen Jahren, als zunächst ihre Mutter und dann die ganze Familie begann, sich auf sie zu stützen und bis heute nicht damit aufgehört hat. So gesehen hat sie sogar sehr lange durchgehalten, doch wie der Volksmund weiß: „Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.“
Amina erkennt, was mit ihr passiert ist und weiterhin passiert: Die Verantwortung für die Herkunfsfamilie und die eigene Kleinfamilie hat sie grundlegend erschöpft. Doch sie ist ratlos: „In unserem Kulturkreis ist es völlig klar, dass die älteste Schwester die Verantwortung für ihre Geschwister übernimmt.“ Insofern ist die Strategie „Abgrenzung“ hier nicht möglich, denn niemand in der Familie würde das verstehen. Wir überlegen gemeinsam, dass die Herkunftsfamilie über die Jahre hinweg ein Muster entwickelt hat: „Wenn es ein Problem gibt, frag Amina.“ Doch in unseren Gesprächen erkennen wir nach und nach, dass das so gar nicht stimmt. Vielmehr erkennen wir, dass Amina die Probleme aktiv an sich zieht: Sie ruft alle Familienmitglieder täglich an, fragt nach den aktuellen Herausforderungen und unterstützt, ohne darum gebeten zu werden. Auch in ihrer eigenen Kleinfamilie tut sie das: Sie hält am Abend das Kind von ihrem Mann fern, weil sie annimmt, dass dieser von der Arbeit müde ist und seine Ruhe haben will. Den Haushalt schmeißt sie mehr oder weniger allein. Und auch am Arbeitsplatz ist Amina eine beliebte, wenngleich etwas angespannte Kollegin, die alle gerne unterstützt.
Heute würde man sie nicht mehr „Das erwachsene Kind“ nennen. Vielmehr ist sie eine Erwachsene, die immer noch völlig in der Anspannung des Kindes lebt. Denn schon die 12jährige musste sehr viel leisten und sich viele Kompetenzen aneignen, um ihre Rolle als „Außenministerin“ der Familie erfüllen zu können. Wie könnte es anders sein, als dass sie damals in einer Daueranspannung lebte? So viel Verantwortung für ein Kind und später für die Jugendliche. Heute müsste sie nicht mehr angespannt sein, denn die Herkunftsfamilie kommt mittlerweile gut allein zurecht. Doch sie kann ihre Rolle nicht ablegen, sondern hat sie ausgedehnt auf die eigene Kleinfamilie und ihren Arbeitsplatz. „Ich muss also nur damit aufhören, dann wird es leichter?“ fragt Amina ungläubig. Aber natürlich ist das nicht so einfach. Sie hat ihre Rolle sozusagen „internalisiert“, d.h. die Fürsorge und Verantwortung für ihr Umfeld sind Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Das kann man nicht einfach ablegen wie einen abgenutzten Mantel. Vielmehr bedarf es dazu einer Therapie, in der sie ihre Muster erkennt, hinterfragt und systematisch abschwächt. Auch muss ihre aktuelle depressive Episode behandelt werden. Dafür empfehle ich den Gang zum Psychiater. Ich empfehle, mit ihrer Herkunftsfamilie zu sprechen und ihre Situation offen zu legen. Das wird ihr schwerfallen, sagt sie, denn sie war doch immer diejenige, die funktioniert hat.
Amina war einige Monate bei mir in der Beratung. Am Anfang mindestens einmal in der Woche, dann in längeren Zeitabständen. Bei einem der letzten Termine erzählt sie, dass die Herkunftsfamilie ihr nun stark hilft. An zwei Tagen übernehmen die Mutter bzw. eine Schwester ihr Kind. Ihr Mann hat einen Home-Office-Tag beantragt und genehmigt bekommen und bringt sich mehr in die Hausarbeit ein. Und sie hat eine Rehabilitationsmaßnahme beantragt und wird einige Wochen in einer Klinik verbringen. Sie fühlt sich besser, aber immer noch nicht gesund. „Aber wir alle sind ein Stück näher zusammengerückt“, erzählt sie, „und das macht mich sehr glücklich.“
- Großes Beitragsbild (Zeichnung, Frau ohne Gesicht mit Hanteln): @ unsplash – Terese H.
- Kleines Bild oben am Textanfang (Frau alleine, schreibend): unsplash – equalstock
- Bild Mitte (Zeichnung, Frau mit schwarzen Haaren): @ unsplash – the iop
Modul 002: Mit Angsterkrankungen im Team sicher umgehen
„Angst essen Seele auf.“ Besser als der Titel dieses alten Faßbinderfilms kann man nicht beschreiben, wie sich Menschen mit Angststörungen fühlen. Hier finden Sie ein 900-Sekunden-Video mit Hinweisen, wie Führungskräfte solche Störungen erkennen und für Betroffene hilfreich sein können (einfach das Bild links anklicken). Dazu gibt es einen Text mit den Grundlagen, der Hintergrundwissen vermitteln will. Schließlich zeige ich unter „Umsetzung“ an einem Fallbespiel, wie man Betroffene wirksam unterstützt und wie ich in einer psychosozialen Beratung arbeite.
Grundlagen

Angst, sagt man, hat viele Gesichter. Manchmal zeigt sie sich als gepresste, leise und unsichere Stimme. Oder Beschäftigte verlassen ohne erkennbaren Grund ein Meeting und kommen nicht zurück. Auch wenn mit immer neuen Begründungen um zusätzliche Home-Office-Tage gebeten wird oder sich die Krankmeldungen häufen, sollten Führungskräfte hellhörig werden. Doch auf Fragen kommen meist ausweichende Antworten. Oder es wird gelogen. Was sollen die Betroffenen auch sagen? Oft wissen sie ja selbst nicht, was mit ihnen los ist.
Schätzungen zufolge leiden von 100 Personen in Deutschland jedes Jahr etwa acht bis zehn an einer Angststörung. Neben einer übersteigerten und unrealistischen Angst können Betroffene verstärkt reizbar, nervös und wütend sein. Andere meiden die Kommunikation mit den Kollegen und der Führungskraft. Mögliche körperliche Symptome sind Herzklopfen, schwere Atmung, Schwindel und Kopfschmerzen sowie Muskelverspannungen insbesondere im Nacken- und Schulterbereich. Manchen wird die Brust schwer, oder sie zieht sich schmerzhaft zusammen. In akuten Situationen treten Erstickungsgefühle auf. Die Gedanken können rasen. Dann sind sie wieder wie blockiert.
Führungskräfte und Kollegen können Anzeichen einer Angststörung an einem veränderten Verhalten feststellen. Betroffene vermeiden bisher alltägliche Arbeitssituationen wie Besprechungen oder Kundentermine. Bestimmte Verhaltensweisen wie die Ordnung auf dem Schreibtisch oder das Führen von Checklisten können zwanghaft werden. Sozialen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen geht man so weit wie möglich aus dem Weg. Und auf so manches Verhalten kann man sich gar keinen Reim machen: Wieso wird das Telefon nicht abgenommen? Warum ist die Person für eine Stunde ohne Erklärung verschwunden? Was Führungskräfte auch feststellen: Die Arbeitsleistung lässt nach. Gründe dafür sind eine verminderte Konzentrationsfähigkeit. Die Betroffenen können sich kaum etwas merken und vergessen vieles, wirken verwirrt und sind kaum in der Lage, Entscheidungen zu treffen.
Meist gehen die Betroffenen spät zum Arzt. Sie behandeln sich zunächst selbst, beginnen im besten Fall Sport zu treiben, machen Meditation und Yoga und versuchen, sich bei Spaziergängen zu entspannen. Diese Reaktion ist so konstruktiv wie selten. Die meisten versuchen sich „zusammenzureißen“, was eine Weile funktioniert, bis die Erschöpfung sie überwältigt und die Symptome zu stark werden. Auch Substanzen wie Beruhigungsmittel, Alkohol und Cannabis funktionieren eine Weile, da sie die Gefühle und damit die Angst dämpfen. Nicht selten kommt auf diese Weise eine Suchterkrankung zur Angststörung hinzu. Und nicht selten haben Menschen mit Angststörungen auch depressive Störungen.
Ohne Behandlung kann es schließlich zur Arbeitsunfähigkeit kommen. Es folgen Psychotherapien und die Einnahme von Medikamenten. Im besten Fall ist danach eine Wiedereingliederung möglich. Im schlechtesten droht eine teilweise oder vollständige Erwerbsunfähigkeit. Die Diagnosen sind je nach Ausprägung der Angststörung unterschiedlich:
- Bei Agoraphobien vermeiden Betroffene angstauslösende Situationen. Sie verlassen die Wohnung nur noch selten und benutzen bestimmte Verkehrsmittel nicht mehr. Sie vermeiden offene Plätze und fühlen sich in engen Räumen unwohl. Deshalb parken sie nicht auf großen Parkplätzen und gehen ungern Einkaufen.
- Panikstörungen sind kurze, heftige Angstzustände, die man auch „Panikattacken“ nennt. Meist ist nicht klar, was sie auslöst. Herzrasen, Schmerzen in der Brust und das Gefühl, sterben zu müssen, werden häufig berichtet.
- Bei sozialen Phobien ist die soziale Situation der Angstauslöser. Betroffene stehen ungern im Mittelpunkt und möchten nicht vor anderen sprechen. Auch Essen mit anderen Menschen ist unangenehm. Vor dem wöchentlichen Meeting haben sie Angst. Sie fürchten die negative Bewertung.
- Bei spezifischen Phobien gibt es einen klaren Angstauslöser. Meist kennt man zumindest einen Menschen, der große Angst vor Hunden oder vor Spinnen hat. Andere haben Angst vor dem Bürogebäude, einer bestimmten Tür, an der sie auf dem Weg ins Büro vorbeigehen müssen, oder einem Bild, das im Meetingraum hängt.
- Generalisierte Angststörungen werden auch „Sorgenkrankheit“ genannt. Betroffene katastrophieren und sehen am Ende jeder Entwicklung nur das Desaster. Um sich davor zu schützen planen Sie alles bis ins Detail und führen umfangreiche Checklisten.
- Mit „Trauma“ ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gemeint. Sie entsteht nach Ereignissen und Phasen, die als belastend und bedrohlich empfunden werden. Betroffene berichten davon, dass sie Erlebtes immer wieder aufs Neue durchleben müssen und Alpträume haben.
- Zwangsstörungen zeichnen sich durch wiederkehrende Zwangsgedanken und Zwangshandlungen aus. Sie drängen sich den Betroffenen gegen ihren Willen auf und sind häufig quälend.
Im betrieblichen Alltag ist es nicht einfach zu unterscheiden, ob eine Person eine Angststörung hat oder gerade in einer sehr belastenden Situation leben muss. Auch sind manche von Natur aus nervöser und ängstlicher als andere. Das gehört zum Charakter bzw. zum Persönlichkeitsstil und ist nicht pathologisch. Doch unabhängig davon, ob Angststörung oder belastende Situation: Es ist nützlich, wenn Kollegen, Führungskräfte und Arbeitnehmervertreter, die Veränderungen feststellen, diese auch ansprechen. Das Motto: Reden hilft oft und schadet nie!
Wenn sich im Gespräch die Vermutung einer Angststörung oder einer anderen Art von psychischer Störung bestätigt gibt es im Gespräch ein wesentliches Ziel: Die betroffene Person soll überzeugt werden, sich in ärztliche und therapeutische Behandlung zu begeben. Erste Station kann dabei der Hausarzt bzw. die Hausärztin sein. In den meisten Städten und Regionen gibt es auch Beratungsstellen, an die man Betroffene verweisen kann.
Doch wie geht es dann weiter, wenn sich die Betroffenen behandeln lassen?
Behandelt werden Angststörungen durch Psychotherapie und Medikamente.
- Häufig ist bei Angststörungen die kognitive Verhaltenstherapie erfolgreich. Es werden Verhaltens- und Denkmuster erarbeitet, bearbeitet und durch funktionale Denkmuster ersetzt. Häufig wird in diesem Verfahren auch mit Exposition gearbeitet: Schrittweise nähert man sich dem, was Angst macht und erlebt, dass die Auswirkungen nicht so schlimm sind wie befürchtet. Weitere erfolgversprechende Psychotherapieverfahren sind bei Angststörungen die Gesprächstherapie nach Rogers, die tiefenpsychologische bzw. psychodynamische Psychotherapie und die Interpersonelle Psychotherapie.
- Ebenso wird bei Angststörungen mit Medikamenten gearbeitet. Bei Angsstörungen wirken häufig Antidepressiva. In bestimmten Fällen wie z.B. der generalisierten Angststörung können auch Antieleptika wirken. Nur für akute Krisensituationen und nur für kurze Zeit werden Benzodiazepine verordnet.
Diese Informationen können für Führungskräfte und Kollegen zur Einordnung der Situation hilfreich sein. Es ist jedoch nicht ihre Aufgabe, Diagnosen zu stellen. Vielmehr geht es darum, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen, Vertrauen aufzubauen und ihnen zu helfen, eine gute Entscheidung zu treffen.
Tipps und Tricks für den Umgang mit Betroffenen:
- Stets bei den Ich-Botschaften bleiben. Nicht: „Du bist in letzter Zeit so nervös und unkonzentriert.“ Sondern: „Ich habe von dir einen nervösen und unkonzentrierten Eindruck.“
- Die Tür bleibt offen: Nicht erwarten, dass die Erstansprache erfolgreich ist. Oft reagieren Betroffene zunächst emotional und sind aufgebracht oder verstockt. Bleiben Sie freundlich: „Wenn ich mich getäuscht haben sollte – umso besser! Ansonsten steht dir meine Tür jederzeit offen.“
- Wenn es zu einem Gespräch kommt besteht der größte Teil darin, aktiv zuzuhören und Entlastung zu bieten.
- Warten Sie mit Lösungsvorschlägen: Die betroffene Person ist zu Beginn des Gesprächs meist so angespannt, dass sie diese nicht aufnehmen kann. Hören Sie zu und bieten Sie weitere Gespräche an.
- Erst in diesen wird der lösungsorientierte Gesprächsanteil immer größer. Fragen Sie, ob Sie für die Mitarbeiterin bzw. den Mitarbeiter Beratungsangebote recherchieren dürfen. Wenn einer davon akzeptabel zu sein scheint, können Sie gemeinsam überlegen, was der erste Schritt ist.
Speziell bei Angststörungen haben Betroffene besonders große Probleme damit, auf andere Menschen zuzugehen. Bieten Sie an, gemeinsam den Hausarzt oder eine Beratungsstelle anzurufen und einen Termin ausmachen. Haken Sie auch nach, ob der erste Termin stattgefunden hat und was das Ergebnis war.
Was für den Umgang mit allen Betroffenen unanbhängig von der Art der Störung oder des Problems gilt:
- Geben Sie sich selbst für die Gespräche ein konkretes Ziel, z.B. „Die betroffene Person dazu bringen, sich professionell und medizinisch beraten zu lassen.“ Damit verhindern Sie, dass Sie zur „Klagemauer“ werden.
- Begrenzen Sie bei mehreren Gesprächen jeweils die Gesprächsdauer. Das hilft, in die Handlungsorientierung zu kommen: „Wir haben jetzt noch 10 Minuten. Wie sollen wir weiter vorgehen?“
- Manchmal emfpinden Betroffene für Führungskräfte, die sich um ihren psychischen Zustand Sorgen machen, so etwas wie Freundschaft. Achten Sie hier darauf, dass die Ebenen klar bleiben: Sie sind eine Führungskraft, die der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nachkommt.“
- Bitten Sie darum, dass nicht jeder Status per Whatsap oder Anruf mitgeteilt wird. Verweisen Sie auf die jeweiligen Termine, die Sie ausgemacht haben.
- Thematisieren Sie die Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Machen Sie klar, dass das wichtigste Ziel ist, diese zu erhalten oder wiederherzustellen. Denn ohne Leistungsfähigkeit ist, auch wenn der Arbeitgeber guten Willens ist, der Arbeitsvertrag auf lange Sicht gefährdet.
Ängste in Film und Literatur
In der Fernsehserie „Monk“ leidet der Detektiv Adrian Monk an Zwangsstörungen sowie an verschiedenen Phobien.
„Angst essen Seele auf“ ist ein berühmter deutscher Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Er thematisiert die Angst, die entsteht, wenn man ausgegrenzt wird.
Eine diffuse existenzielle Grundangst und die Angst vor Kontrollverlust wird in Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ thematisiert
- Bild mit Katze: Copilot.
Umsetzung
Herr Maier ist ein gestandener Mann, etwa 185 Zentimeter groß mit breiten Schultern und starken Armen. Seine Arbeit als Projektleiter bei einem großen Industriebetrieb scheint gut zu ihm zu passen. Mit Anfang 30 ist er verheiratet, hat zwei Kinder, spielt engagiert Tennis und ist in seiner Gemeinde bestens vernetzt. Er hat in seinem Leben schon viele herausfordernde Situationen gemeistert. Doch seit zwei Jahren plagt ihn ein Problem, für das er keine Lösung findet.
Jede Woche findet ein Meeting mit 14 Projektleiterinnen und Projektleitern des Unternehmensbereichs statt. Den Leiter dieses Meetings, der auch sein Vorgesetzter ist, kennt er gut. Die Zusammenarbeit ist von Vertrauen geprägt, es gibt keine Probleme. Zu Beginn jeder Sitzung berichten die Projektleiter über den Stand ihrer Projekte. Vor etwa zwei Jahren bemerkt er, wie ihn diese Meetings immer mehr belasten. Erste leichte Symptome sind Herzklopfen, schwitzende Hände, ein leichtes Summen im Ohr. Er kann das zunächst erfolgreich überspielen. „Doch im Laufe der letzten beiden Jahre ist es immer schlimmer geworden,“ berichtet er. Aktuell spürt er schon eine halbe Stunde vor den Sitzungen, wie er stark atmet, schwitzt, sich in ihm alles verkrampft. In der Sitzung schnürt sich seine Kehle zusammen. „Ich habe dann Angst zu ersticken.“ Er kann nicht mehr klar denken und hat jedes Mal eine riesige Angst, kein Wort herauszubringen und sich vor allen anderen zu blamieren. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Doch wie lange noch? Nach den Sitzungen fühlt er sich zunächst erleichtert, aber auch müde und zerschlagen. Und nach der Sitzung ist vor der Sitzung: Wie wird es nächste Woche werden?
Nach einer der sehr belastenden Sitzungen spricht ihn sein Vorgesetzter an. „Können wir kurz reden?“ Herr Maier nickt, obwohl ihm nicht danach ist. Der Vorgesetzte spiegelt ihm, was er bemerkt: „Ich nehme wahr, dass du bei den Sitzungen sehr angespannt bist. Ich habe auch den Eindruck, dass du immer weniger redest und dich kaum noch an den Diskussionen beteiligst. Gibt es etwas, bei dem ich dich unterstützen kann?“
Herr Maier fühlt sich ertappt. Dabei hatte er gedacht, dass niemand etwas bemerkt hätte. Reflexhaft wehrt er seinen Chef ab: „Nein, es ist alles in Ordnung. Ein bisschen viel los in letzter Zeit. Aber das gibt sich schon wieder.“ Der Vorgesetzte schaut ihn zweifelnd an: „Dann ist ja alles gut. Aber du weißt, wenn du jemanden zum Sprechen brauchst: Meine Tür steht dir jederzeit offen.“ Herr Maier nickt bloß.
Sein erster Gedanke ist, dass er sich mehr zusammenreißen muss. Er überlegt, woran der Vorgesetzte etwas bemerkt haben könnte. Doch die Tage danach gesteht er sich ein, dass es nicht schaden kann, mit jemandem über die Sache zu reden. Schließlich fasst er sich ein Herz und macht mit dem Vorgesetzten einen Termin aus. Die beiden sprechen lange, und Herr Maier spürt die Erleichterung, sein Leid jemandem erzählen zu können. Der Vorgesetzte hört geduldig zu und fragt dann: „Wenn du bei deinen Projekten nicht weiter weißt – was tust du dann?“ Herr Maier antwortet ohne zu zögern: „Ich frage jemanden, der es wissen könnte.“ In der Sekunde kommt ihm auch gleich der Gedanke: „Wer könnte das in seinem Fall sein?“ Der Vorgesetzte informiert ihn, dass das Unternehmen eine psychosoziale Beratung, die für ihn kostenlos ist, zur Verfügung stellt. „Auf Therapie habe ich eigentlich keine Lust.“ Der Vorgesetzte meint: „Das ist keine Therapie. Nur ein Gespräch mit jemandem, der sich auskennt. Was hast du zu verlieren? Alles ist vertraulich, und wenn es nichts bringt, hast du nur ein bisschen Zeit verloren.“
Herr Maier sagt, dass er es sich überlegen will. Der Vorgesetzte sendet ihm per E-Mail meine Kontaktdaten sowie einige weitere Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Schließlich entschließt sich Herr Maier, mich zu kontaktieren und erhält für den nächsten Tag einen Teams-Termin.

Wie die meisten Menschen mit psychischen Problemen möchte Herr Maier keine „lange Therapie“ machen. Ich soll ihm helfen, die Sitzungen gut zu überstehen. Dann, so seine Hoffnung, würde auch die Angst weggehen, und alles wäre wieder gut. Das ist eine typische Grundhaltung, mit der die Klientinnen und Klienten in meine psychosoziale Beratung kommen. „Mach, dass die Symptome weggehen“ ist in der Regel der Auftrag. Und tatsächlich geht es in einer psychosozialen Beratung, die meist aus drei bis sechs Sitzungen besteht, vorwiegend um die Arbeit an Symptomen. Den Klienten bringt das oft eine schnelle Linderung ihres Leids. Und sie erkennen den Weg, den sie gehen müssen, damit die Besserung nachhaltig bleibt. Das kann heißen, dass sie sich nach der psychosozialen Beratung einen Therapieplatz suchen sollten.
Im ersten Gespräch fokussiert sich Herr Maier auf die konkrete Situation, die ihm zu schaffen macht. Wir vollziehen die letzte Situation dieser Art Schritt für Schritt nach:
- Schon am Vorabend spürt er schlechte Stimmung und Angst. Er trinkt ein Glas Wein extra, um schlafen zu können.
- Dennoch ist die Nacht unruhig. Er träumt von der Sitzung: alle starren ihn an und wundern sich, warum er nichts sagt.
- Am Morgen verspürt er leichte Kopfschmerzen, die aber wieder verfliegen. Er lenkt sich mit Arbeitsaufgaben ab.
- Eine halbe Stunde vor der Sitzung schließt er sich im Büro ein. Er hat Angst nicht nur vor der Sitzung Angst. Auch die anschwellende Angst – die „Angst vor der Angst – macht ihm zu schaffen.
- Schließlich geht er in die Sitzung. Sein Plan: Möglichst früh drankommen. Dann ist nicht so viel Zeit, sich aufzuregen. Er atmet schwer, schwitzt, fühlt sich unruhig, würde am liebsten aus dem Raum flüchten.
- Der Vorgesetzte, der sein Problem mittlerweile kennt, will ihn früh dran nehmen. Doch eine Projektleiterin hat ein dringendes Anliegen, das zuerst besprochen werden muss. Je länger es dauert, desto aufgeregter wird Herr Maier.
- Schließlich ruft ihn der Vorgesetzte auf. Herr Maier räuspert sich und sagt einige vorher auswendig gelernte Sätze. Er weiß, dass er sich künstlich anhört, was ihn noch aufgeregter macht. Er sieht sich kritisch durch die Brille der anderen. Doch es gelingt, und er kann auch einige Fragen der anderen Projektleiter beantworten.
- Vom restlichen Teil der Sitzung bekommt Her Maier kaum etwas mit. Immer wieder geht er in Gedanken seine Aussagen durch und fragt sich, ob jemand etwas bemerkt hat.
- Danach schnell zurück ins Büro. Er fühlt sich müde und zerschlagen. Ohne Ziel surft er im Internet und checkt immer wieder E-Mails und Messenger-Nachrichten.
- Schließlich ruft jemand mit einem Anliegen an. Das reißt ihn aus seinen Gedanken und Gefühlen, und langsam kommt er wieder in Tritt. Vorbei, Gottseidank. Aber nach der Sitzung, das weiß er, ist vor der Sitzung.
Ich frage Herrn Maier: „Was genau ist das Problem am Problem?“ Denn es wäre ja an sich nicht schlimm, mal etwas nicht sagen zu können. Doch dahinter steht das eigentliche Problem: „Ich bin blamiert, meine Position wird in Frage gestellt. Im schlimmsten Fall verliere ich meinen Arbeitsplatz, und vielleicht auch mein Haus und meine Familie.“
In den weiteren Sitzungen sprechen wir über seine allgemeine Lebenssituation. Dazu führen wir eine Aufstellung auf dem Systembrett durch. Hier zeigen sich einige Themen, die Herr Maier belasten. Mit seinem Bruder gibt es schon seit Jahren einen schwelenden Konflikt. Dieser dreht sich um eine Kleinigkeit, es geht um ein vergessenes Geburtstagsgeschenk. Und doch kochen bei Familienfesten immer wieder die Emotionen hoch. Gerne würde Herr Maier diese Feste meiden, doch er will das seinen Eltern nicht antun. Auch das Verhältnis zu seiner Frau, mit der er nach eigener Aussage eine glückliche Ehe führt, ist belastet. Seit der Geburt des zweiten Kindes, also seit zwei Jahren, gibt es keine Sexualität mehr. Wir sprechen auch über seine Träume, die er in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter hatte. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass er gerne Lehrer geworden wäre und mit Kindern gearbeitet hätte. Damals war er schon mit seiner jetzigen Frau zusammen, die sich eine Zukunft mit Kindern und eigenem Haus wünschte. Als Lehrer, so befürchtete er, würde er dafür nicht genug verdienen, und studierte deshalb Ingenieurswissenschaften. Sein Beruf mache ihm schon Spaß, meint Herr Maier. Aber dass es mit der Schule nichts geworden ist, das bedauert er manchmal schon. Ob er einen geheimen Groll gegen seine Frau hat, weil er sein Leben nicht so leben kann, wie er es eigentlich gerne möchte? Herr Maier weiß es nicht.
Das sind schon viele Hinweise auf ungelöste Themen, die Ängste auslösen oder begünstigen können. Insbesondere der ungelöste Konflikt mit dem Bruder, die fehlende Sexualität in der Ehe und vielleicht auch das Gefühl, sein Leben insgesamt falsch zu leben, sind auffällig. Das sind aber Themen, die in einer psychosozialen Kurzberatung besprochen, aber nicht gelöst werden können.

Aber wir finden für das konkrete Symptom eine Möglichkeit, konstruktiv damit umzugehen. Wir kommen darauf, als mir auffällt, dass Herr Maier in den Gesprächen gelegentlich hustet. Ich spreche ihn darauf an, und er erzählt, dass er ganz leichtes Asthma habe und sich deshalb öfters mal räuspern und husten muss. Es sei auch schon vor dem Auftreten der Ängste vorgekommen, dass er in Gesprächen kurz nach Luft ringen und deshalb pausieren muss. Das wissen aber alle Kollegen und würden dem keine große Bedeutung zumessen. Für solche Fälle hat er stets Bonbons dabei, „um die Kehle anzufeuchten“, wie er es nennt. Wir vereinbaren, dass er die Bonbons in den Sitzungen vor sich auf den Tisch legt und, während die anderen reden, ein oder zwei davon zu sich nimmt. Das ist das Signal an die Kolleginnen und Kollegen: „Achtung, meine Stimme ist angeschlagen.“ Wenn er dann an die Reihe kommt und die Stimme tatsächlich versagen sollte, kann er einfach husten und abwinken. Für die anderen wäre es das Signal, ihn zunächst in der Reihenfolge zu gehen und weiterzumachen.
Dieser Notausgang ist für Herrn Maier sehr nützlich, wie er mir Wochen nach unseren Gesprächen mitteilt. Die Aufregung ist vor und bei den Sitzungen zwar immer noch da, aber deutlich reduziert, da er jetzt eine konkrete Möglichkeit sieht, die Situation zu bewältigen. Allerdings haben ihm unsere Gespräche zu Denken gegeben. Er will die Probleme ansprechen und mit seiner Frau zu einem Paartherapeuten gehen. Seinen Bruder hat er außer der Reihe zum Abendessen eingeladen. Und der Gedanke, eine Therapie zu machen, ist ihm nun nicht mehr so fremd wie vorher: „Reden hilft tatsächlich!“
- Bild oben Mann auf Treppe: @ unsplash – Vitaly Gariev
- Bild Mitte Schautafel / Arm mit Stift: @ Fotolia – alphaspirit
- Bild unten Mann mit Regenschirm: @ Fotolia – Nomad Soul



